Am 20. Oktober 2025 fand an der Universität Bamberg die Abschlusskonferenz des Forschungsprojekts DIYhoch3 mit dem Titel LAND-JUGEND-KULTUR statt. Rund 50 Teilnehmende aus den Bereichen Wissenschaft, Jugend- und Kulturarbeit sowie Kommunalpolitik diskutierten über Jugend(kulturen) in ländlichen Räumen und das Engagement junger Menschen zwischen Tradition und Wandel.
Zu Beginn der Konferenz waren zwei im Forschungsprojekt entstandene „Szeneporträts“ zu sehen, die als visuelle Perspektiven auf das Leben junger Menschen in ländlichen Räumen das Projekt bereichern. Die beiden Kurzdokus „Bärenjugend: Friesau im Mai” (hier zu sehen: Die Jugend in Friesau) und „Nena on Wheels: Mountainbike im Vogtland” (hier zu sehen: Nena on wheels 2.0) gaben Einblicke in jugendkulturelle Alltagswelten und eröffneten den Blick auf die kreative Aneignung ländlicher Räume durch junge Menschen in den Bereichen „Brauchtum & Tradition“ sowie „informeller Sport“. Die filmischen Beiträge dienten im Kontext des Forschungsprojekts dabei nicht nur als bloße Dokumentation, sondern etablierten sich zunehmend als integraler Bestandteil des ethnographischen Forschungsprozesses. Film kann dabei als Erhebungsmethode und Medium für reflexive und partizipative Forschung eingesetzt werden. Beispielsweise waren die Jugendlichen aktiv am Entstehungsprozess beteiligt. Dies reichte von der Auswahl der Drehorte über die Inszenierung bis hin zur Diskussion des fertigen Films mit den beteiligten Jugendlichen.
Anschließend präsentierte PD Dr. habil. Tuuli-Marja Kleiner vom Thünen-Institut die erste Keynote der Veranstaltung. Unter dem Titel „Zwischen Tradition und Wandel: Junge Menschen und ihr Engagement in drei sehr ländlichen Regionen” zeigte sie zentrale Befunde zum Engagement junger Menschen in ländlichen Räumen. Kleiner verwies auf die hohe Reputation von Ehrenamt und die quantitativ deutliche Eingebundenheit junger Menschen in Engagementstrukturen. So engagiert sich etwa über die Hälfte der befragten 16- bis 25-Jährigen freiwillig, insbesondere in den Bereichen Sport, Bildung und Feuerwehr. Gleichzeitig wies der Beitrag auf deutliche strukturelle Hürden hin. Ein zentraler Befund zeigt, dass sich junge Menschen oft nicht ausreichend gehört oder in Entscheidungsprozesse einbezogen fühlen. Daran anknüpfend formulierte Kleiner konkrete Handlungsempfehlungen bezogen auf zeitgemäße Rahmenbedingungen, Beteiligung auf Augenhöhe und sichtbare Anerkennung des Engagements junger Menschen.
Im Anschluss an die erste Keynote stellten Tilman Kallenbach und Franziska Imhoff als DIYhoch3 Projektteam die Ergebnisse ihres dreijährigen Forschungsprojekts in den Landkreisen Hof, Saale-Orla und Vogtland vor. Ihr Vortrag machte deutlich, dass Jugendkulturen in ländlichen Räumen vielfältig und kreativ sind, aber auch von ambivalenten Dynamiken zwischen Gemeinschaft und Konformitätsdruck sowie zwischen Gestaltungsspielräumen und strukturellen Beschränkungen geprägt sind. Die Forschenden zeigten anhand des Konzepts der Peripherisierung, dass die systematische Produktion räumlicher Ungleichheiten durch den Rückbau von Infrastruktur, selektive Abwanderung, sinkende Investitionen und politische Marginalisierung die zivilgesellschaftlichen Gestaltungsspielräume im Untersuchungsgebiet Dreiländereck prägen. Zentrale Gegenstrategien liegen häufig in sogenannten, für das Forschungsprojekt namensgebende, „Do it yourself”-Praktiken, die von selbst organisierten Dorfdiscos über selbstgebaute Pumptracks bis hin zu intensivem Vereinsengagement reichen. Während des Forschungsprojekts durften wir eine Bandbreite jugendkultureller Selbstorganisation begleiten. Gerade in peripheren Ortsteilen ist diese Selbstorganisation oft ein zentraler Baustein eines intergenerationalen „dörflichen Zusammenhalts“ der Jugendliche motiviert sich zu engagieren aber zuweilen, auch vor dem Hintergrund prekärer Engagementsturkturen, in die Pflicht nimmt sich ehrenamtlich einzubringen, bevor ein weiteres Angebot wegbricht. Diese Dynamiken stabilisieren zwar die Gemeinschaft, können aber auch Druck auf Beteiligte ausüben und jene ausschließen, die nicht in den etablierten Strukturen partizipieren. Zentral ist dabei, dass Selbstorganisation in ländlichen Räumen aktuell nicht wegzudenken ist. Gerade darum verdient sie Anerkennung und Unterstützung, ohne dass strukturelle Defizite individualisiert oder romantisiert werden.
Zugleich zeigte sich im Laufe des Forschungsprojekts immer wieder, wie strukturelle Defizite von vielen Jugendlichen im Untersuchungsgebiet produktiv umgedeutet werden. Leerstellen werden in dieser Lesart zu Möglichkeitsräumen, in denen basisdemokratisches Arbeiten und neue Kulturinitiativen entstehen können. Hier ist jedoch kritisch zu hinterfragen, wie widerstandsfähig diese Zivilgesellschaft aus dem „vorpolitischen“ Raum tatsächlich ist, um rechte Übernahmen zu verhindern.
Aus den empirischen Befunden lassen sich überdies konkrete Handlungsempfehlungen ableiten, die sich in drei zentralen Säulen zusammenfassen lassen:
- Räume ermöglichen: Leerstand aktiv identifizieren und niedrigschwellig für jugendkulturelle Nutzung bereitstellen; öffentliche Treffpunkte schaffen, die nicht konsumgebunden sind.
- Menschen gewinnen: Ansprechpersonen in Kommunen etablieren, regionale Koordinationsstellen für Vernetzung und Antragshilfe schaffen sowie Peer-to-Peer-Austausch über Gemeindegrenzen hinweg fördern.
- Finanzen neu denken: Weg von projektgebundenen Finanzierungen, hin zu niedrigschwelligen Budgets; Idee eines jährlichen „Jugendetats“, über dessen Verwendung Jugendliche mitentscheiden; Unterstützung bei Vereinsgründungen.
Ein besonderes Highlight der Konferenz bildete das World Café am Nachmittag. An vier thematischen Tischen diskutierten Praktiker:innen aus Kommunalverwaltung, Jugendarbeit und Zivilgesellschaft gemeinsam mit Wissenschaftler:innen und Studierenden über zentrale Herausforderungen und Handlungsperspektiven.
- Tisch 1– Kommunalfinanzen/Kommunalpolitik: Antje Goßler (Hauptamt Adorf) und Dr. Andreas Kallert diskutierten Fragen zu kommunalen Rahmenbedingungen und Finanzierungsmöglichkeiten.
- Tisch 2 – Jugendarbeit: Johannes Wurm (Kommunale Jugendarbeit LK Hof) und Prof. Rita Braches-Chyrek tauschten sich über Ansätze der Jugendarbeit in ländlichen Räumen aus.
- Tisch 3 – Zivilgesellschaft: Lina Herzog (Bündnis „Dorfliebe für alle”) und Franziska Imhoff beleuchteten die Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure, neuer Formen des Engagements und Aushandlungen von Gemeinschaft im Kontext Dorf.
- Tisch 4 – Infrastruktur/Gleichwertige Lebensverhältnisse: Frau Schmidt-Rösner (Sozialplanung/Jugendamt SOK) und Tilman Kallenbach diskutierten Fragen der Daseinsvorsorge und gleichwertiger Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen.
Den abschließenden Beitrag, der gleichzeitig eine Synthese der Veranstaltung darstellte, übernahm Prof. Dr. Rita Braches-Chyrek von der Universität Bamberg mit ihrer Keynote „Was bewegt Jugend?”. Auf Basis aktueller Jugendstudien zeichnete sie ein differenziertes Bild der Lebenswelten junger Menschen heute. Sie zeigte, dass Jugend kein homogener Block ist, sondern dass Faktoren wie sozialer Hintergrund, Bildung, Region und Geschlecht die individuellen Erfahrungen maßgeblich prägen. Besonders eindrücklich waren die Befunde zu den Belastungen und Sorgen junger Menschen. 65 Prozent, der in der Trendstudie „Jugend in Deutschland 2024“ befragten Jugendlichen, nannten die Inflation, 60 Prozent nannten Krieg in Europa und 54 Prozent knappen oder teuren Wohnraum als Sorgen. Gleichzeitig zeigen Studien (z.B. der DAK Gesundheit Präventionsradar) einen Anstieg von Ermüdung, Schlafproblemen und Erschöpfung. Prof. Braches-Chyrek betonte daran anknüpfend, dass Jugend neben Freiheit und Gestaltungsmöglichkeiten insbesondere auch von Unsicherheit, Druck und Verantwortungsbewusstsein geprägt ist. Zentral sei es dabei, Jugendliche als Ressource und Gestalter der Zukunft zu verstehen. Für Bildung, Jugendpolitik und Sozialarbeit brauche es Lern- und Lebenswelten, die Jugendlichen Handlungsmöglichkeiten, Sinn und echte Teilhabe bieten.
Unser herzlicher Dank gilt allen, die zum Gelingen der Konferenz beigetragen haben: Den Keynote-Sprecherinnen PD Dr. Tuuli-Marja Kleiner und Prof. Dr. Rita Braches-Chyrek für ihre fundierten und anregenden Beiträge, allen Diskutant:innen am World Café für ihre wertvollen Perspektiven und nicht zuletzt allen Teilnehmenden für die lebhaften und konstruktiven Diskussionen. Der intensive Austausch hat gezeigt, wie wichtig gemeinsame Räume für den Dialog über Jugend und Aufwachsen, gerade in ländlichen Räumen, sind. Ein herzliches Dankeschön gilt auch Robin Kendl und Caterina Pascale, die uns als Hilfskräfte in der Organisation und Umsetzung der Tagung maßgeblich unterstützt haben.
Die Diskussionen und Erkenntnisse der Konferenz werden nicht nur in unsere weitere Arbeit einfließen, sondern auch als ausführlicher Tagungsbericht in unserem Sammelband LAND-JUGEND-KULTUR Anfang 2026 (offen zugänglich) zum Nachlesen erscheinen.






